Planung & Konzept

Konzept

“Wo bleibt der Mensch in der Wissensgesellschaft?”

Diese Stichworte wurden entwickelt für die Rede eines ehemaligen Ministerpräsidenten. Die Sache war sehr kurzfristig. Innerhalb eines Tages musste die Rede stehen. Das ist zu machen, wenn man über einen Bau- und Zettelkasten verfügt. Und wenn man eine gewisse Ordnung in der Sprache hat, denn: Ordnung entlastet.

Inhaltsverzeichnis



I. Was sich verändert und was sich gleich bleibt: Ein kurz gefasster Rückblick in die Geschichte.
 
Stichworte
— Nach mehr oder minder übereinstimmenden Recherchen brauchte der erste Marathonläufer für die 42 Kilometer lange Strecke etwa zweidreiviertel Stunden. Er wurde ausgewählt aus etwa 6000 athenischen Kriegern.

— Heutzutage laufen spezialisierte Läufer, ausgewählt aus allen Ländern der Erde, bestens trainiert, die gleiche Strecke in etwas mehr als 2 Stunden.

— Das schnellste Fortbewegungsmittel in der athenischen Republik war das Segelschiff, das bei guten Winden 30 bis 45 Kilometer in der Stunde bewältigte.

— Heutzutage bewegen sich Menschen in Raketen mit der x-fachen Geschwindigkeit.

Fazit: Der Mensch, als physisches und biologisches Wesen betrachtet, bleibt sich relativ gleich. Die Familie z.B. ist, aufs große und ganze gesehen, von faszinierender Stabilität. Vertrautes und Bekanntes, was den Menschen anbelangt, wird auch in der Wissensgesellschaft gelten, und zwar “je körpernäher, desto mehr”.

II. Die großen Veränderungen kommen dann ins Spiel, wenn die Technik, die Wissenschaft und die Wirtschaft auf den Plan tritt.

Deren Veränderungen also haben wir zu beachten, wenn wir die Zukunft der Wissensgesellschaft gedanklich, prognostisch und gestaltend ergründen. Die Frage nach dem Menschen in der Wissensgesellschaft ist zugleich die Frage nach der Zukunft der Arbeit: Beide Fragen sind nicht identisch, aber sie berühren sich im Kern. Die Frage nach der Zukunft der Arbeit wiederum ist die Frage nach der Zukunft der Arbeitsmittel und der Arbeitsorganisation: beide sind, um es mit Max Weber zu sagen, nichts anderes als “geronnener Geist”.

III. Kurzer Rückblick auf unsere Einstellung zur Arbeit, also auf unser Arbeitsethos.

Im 16. Jahrhundert beschwerten sich die Besitzer der Salzbergwerke in Bad Reichenhall über die zahllosen Feiertage in Bayern: in der Spitze waren es, wie Werner Sombart herausfand, 202. Die Menschen haben also seit jeher gefeiert und gearbeitet. Dass der Arbeit der heutige ethische Wert — also ein Moment der Freiheit zu sein — zugesprochen wurde, war eine relativ späte Entwicklung im 18. Und 19. Jahrhundert. Wir haben gute Gründe, dass dieses Arbeitsethos wenigstens das jetzige Jahrhundert überdauert. Allein schon die demographische Entwicklung führt dazu, dass auf einen Rentner nur noch 2 Arbeitende kommen. Dies legt nahe, dass eine nur als Zwang empfundene Arbeit der Friedfertigkeit der Gesellschaft rasch ein Ende bereiten würde. Für die uns überschaubare Zeit wird es die “Utopie eines von der Arbeit befreiten Menschen” nicht geben. (Mir scheint sie auch nicht wünschenswert zu sein)

IV. Was ändert sich an den Arbeitsinhalten und an den Arbeitsprozessen?

Wir können über die Zukunft nur etwas sagen, wenn wir unsere Vergangenheit verstehen. Deshalb auch hier ein kleiner Rückblick:
— Die Arbeit in einer Agrargesellschaft können wir uns auch noch heute ganz gut vorstellen. Die Arbeit war mehr oder minder eine intelligente Anpassung an die Natur: Kultur nennen wir das, und daher stammt auch das Wort. Wir können den rhythmischen Vorgaben der Natur nur begrenzt widerstehen, wie wir es mit dem Kinderlied “Im Märzen der Bauer die Rösser einspannt” gelernt haben.

— Die Industriegesellschaft war geprägt durch den Takt der Maschine und durch eine dazu passende, dem Militär entlehnte hierarchische Organisation. Die Menschen waren eingebettet in relativ stabile Arbeitsabläufe: Sie mussten nicht selbst Unternehmer sein und fügten sich in der Regel den Entscheidungen anderer.

— In der industriellen Produktion arbeiten nur noch wenige Menschen, je nach Abgrenzung sind es etwa 15 - 17 %. Und es werden bestimmt nicht mehr werden.

V. In der Wissensgesellschaft,

von der wir bei weitem nicht alles wissen, werden die Menschen freier arbeiten, also weniger unter der Anleitung anderer. Gefragt ist mehr das Arbeitsprodukt, und weniger, auf welche Art es zustande gekommen ist. Dem arbeitenden Menschen werden mehr Entscheidungen “zugemutet” , und in diesem Wort drückt sich die ganze Ambivalenz des Prozesses aus. Wir sind auf den Prozess der Ersetzung heteronomer Ordnungen durch zunehmend autonomer werdende Ordnungen noch nicht gut vorbereitet. Denn die Familie, die uns gewöhnlich prägt, ist eine heteronome Ordnung, zumindest aus Kindersicht. In zwanzig oder dreißig Jahren wird dies kein großes Problem mehr sein, denn der Mensch ist und bleibt ein Gewohnheitstier. Aber jetzt gibt es noch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Welche Rolle, oder genauer gesagt: welche neue Rolle spielt der Mensch in der Wissensgesellschaft? Auch hier hilft uns ein kleiner Rückblick.
— Über Jahrzehnte gab es ein Entwicklungsgesetz in der Industriegesellschaft, das von manchem wie ein Naturgesetz angesehen wurde: Die Ersetzung von menschlicher Arbeit durch Technik. Ein Arbeiter konnte noch so kraftvoll und geschickt sein: kein Kopist — vormals die Mönche in den Klöstern — ist konkurrenzfähig gegen ein Kopiergerät. Manche Historiker nannten das die Ersetzung lebendiger Arbeit durch tote Arbeit und manches Rilke-Gedicht hat diesen Prozess in den 20er Jahren beklagt.

Es gibt gute Gründe, dass dieses fundamentale Entwicklungsgesetz in der Wissensgesellschaft – jedenfalls vorübergehend — außer Kraft gesetzt wird: der Streit geht darum, ob Wissen an den Wissenden gebunden ist, wie es der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß behauptet, oder ob die neuen Kommunikationsinstrumente, insbesondere das Internet, dem Menschen auch hier seinen Platz streitig machen. Dies, so scheint mir, ist die entscheidende Frage in Bezug auf unser Thema.

VI. Wie alle interessanten Fragen ist auch diese nicht leicht zu beantworten.

Wir können nur das vorhandene Wissen möglichst sorgfältig bewirtschaften, wir wenden gleichsam die Wissensgesellschaft auf sich selber an. Sie alle kennen die Diskussion um die “Neue Ökonomie”: Um junge Menschen, die gleichsam über Nacht zu Millionären wurden und um die ausgerufene Revolution der Denkungsart.
Noch vor einigen Jahren herrschte die Überzeugung vor, die Industriegesellschaft würde schon in kurzer Zeit durch die Wissensgesellschaft abgelöst werden. Nach dem Einbruch der New Economy im zweiten Quartal des vergangenen Jahres ist es stiller geworden. Eine Wirtschaft, die durch “Erwartungs – Erwartungen” dirigiert wird, ist offensichtlich schwer in der Lage, menschlichen Grundbedürfnissen — planbare Einkommensentwicklung, eine gesicherte Rente, gesicherte Hilfe bei Krankheiten, bezahlbares Wohnen, kurzum: Alltagssicherheit — zu genügen. Manche Ökonomen bestreiten heutzutage, dass die neue Ökonomie überhaupt neue Regeln generieren würde. Beide Behauptungen sind vermutlich Übertreibungen: Es wird sich mehr an unseren Arbeitsbeziehungen ändern, als manchem Gewerkschafter und manchem Arbeitgeberfunktionär lieb ist, und weniger, als die Internetphantasten erhofften.
Anders als viele Ökonomen glaubten, ist der mit den neuen Informationstechniken und Speicherungsmedien einhergehende Fortschritt nicht substitutiv, sondern, wenigstens in dem meisten Fällen, kumulativ. Vulgo: Das papierlose Büro steht alleine auf dem Papier.

Die quasimilitärische Organisation des Industrie- und Dienstleistungsgewerbes wird sich nachhaltig verändern. An vielen Stellen wird Selbstorganisation und Vernetzung die zentrale Organisation und die heteronome Ordnung ersetzen oder ergänzen.
Der avantgardistische Traum vom Ende der Organisation, von der Virtualisierung aller Arbeitsbeziehungen, die Verheißung, Wissen könne durch intelligente Informationssysteme erzeugt werden, hat sich als haltlos, zumindest aber als korrekturbedürftig erwiesen.

Auch wenn wir den übertriebenen Hoffnungen und Befürchtungen, die Zeichen der Unsicherheit sind, nicht folgen, müssen wir uns doch mit den antizipierbaren Entwicklungen auseinander setzen. Und diese verweisen in eine bestimmte Richtung: Der Prozess der Individualisierung wird auch vor den Werkstoren und den Versicherungspalästen nicht halt machen.

VII. Aber ich bezweifle doch sehr,

dass menschliches Wissen durch technische Informationssysteme einfach ersetzt werden kann. Menschliches Wissen entsteht durch “Überlegen, Schlussfolgern, Sinnen, Wahrnehmen, Erkennen, Verstehen, Begreifen, Forschen, Entdecken, Erfinden, Lernen, Lehren”. (Malik)
Wobei uns intelligente Informationssysteme helfen können, ist die Ordnung schon vorhandenen Wissens, also bei der Bewirtschaftung von Wissen.
Natürlich wird eine solide Ausbildung in der Wissensgesellschaft immer wichtiger.

VIII. Ich sprach von der Geschichte der Arbeit und von der Geschichte der Arbeitsmittel.

Von der Organisationsform der Arbeit, die an diese mehr oder minder gebunden war. Dies mag bei manchen den Eindruck erwecken, da würde einer unkritischen Anpassung, ja Unterwerfung des Menschen an die oder unter die Technik das Wort geredet. Weit gefehlt. Wir kennen ethisch-politische Überzeugungen und kulturelle Traditionen, die ihrerseits massive Rückwirkungen auf die Arbeitsbeziehungen haben. Die erfolgreichste Bewegung des 20. Jahrhunderts war nicht die Arbeiterbewegung oder die Umweltbewegung, es war die Frauenbewegung. Eine Gesellschaft, in der die Frauen ihre gerechte Teilhabe an der Arbeit einfordern, ist ganz anders geordnet, als dies insbesondere in islamisch geprägten Gesellschaften der Fall ist. Und selbst Gesellschaften, die die gleiche Technik benutzen, bewahren oder entwickeln ihren Eigensinn. Die wissenschafts-technische Dominanz, die weite Teile des 19. und 20. Jahrhunderts prägte, wird so nicht aufrechtzuerhalten sein: Zukünftig werden kreative und auch kulturelle Leistungen eine stärkere Rolle spielen, nicht zuletzt deshalb, weil der Mensch der technischen Gleichmacherei sein “Eigenes” gegenüberstellen will. Schließen wir mit einem abgewandelten Ausspruch: Der Mensch steht im Mittelpunkt, aber er steht nicht überall im Wege.

erarbeitet: nov. / 2001



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