2004: Was geht, was kommt, was bleibt.
Zäumen wir das Pferd von hinten auf: Welche geistig-seelischen Dimensionen
verbergen sich hinter dem Diskurs, ob die EU mit der türkischen Regierung
Beitrittsverhandlungen beginnen soll? Hier geht es um Raum und Zeit, zwei
archaische Grundlagen unseres Politik- und Geschichtsverständnisses. Die Türkei
gehört zu ihrem größeren Teil nicht zu Europa. Das ist die Dimension des Raumes.
Sie gehört – selbst wenn wir unsere griechischen Philosophen erst über
islamische Gelehrte kennen gelernt haben – auch nicht vollständig zur Geschichte
des alten Kontinents.
Die biederen Gegner eines Beitritts der Türkei berufen sich auf die 2000 Jahre
alte christliche Geschichte Europas, und geraten so in die Gefahr der
Regression. Der Vitalisierung des Islam soll durch eine Revitalisierung des
Christentums begegnet werden. Das wäre nun wirklich der Kampf der Kulturen. Die
klügeren Gegner des Beitritts berufen sich auf die nicht einmal 300 Jahre alte
Aufklärung, die sich auch in und mit Hilfe der Kirche vollzogen hat. Die in der
Türkei noch ausstehende Aufklärung ist für sie der entscheidende Punkt.
Die Befürworter hingegen setzen auf die Kraft Europas, auf sein anziehendes
Beispiel und auf die Absorbations- und Integrationskraft der europäischen
Verfassung. Europäische Außenpolitik in Bezug auf die Türkei soll sukzessive
europäische Innenpolitik mit der Türkei werden. Die Vernunft wohnt in den
Institutionen, hat Hegel einmal gesagt, der Mensch erwirbt sie durch Anpassung.
Sie haben nun Beistand von unerwarteter Seite erhalten: Robert Kagan, der in
seinem Essay „Macht und Ohnmacht“ vor Jahren Europa als verweichlichte Venus
verhöhnte, Amerika mit dem herrischen Mars verglich, fragt heute nachdenklich:
Ist die Erweiterungspolitik Europas nicht doch erfolgreicher als die
Eroberungspolitik der Vereinigten Staaten? Welch ein Glaube an die Vernunft
wächst hier.
Die „deutsche Leitkultur“, Stichwort des Islamswissenschaftlers Bassam Tibi,
aufgegriffen vom CDU-Politiker Friedrich Merz, niedergegangen im allgemeinen
Parteigeraune, kehrt unter dem Decknamen „Patriotismus“ wieder zurück. Die CDU
hat sich einen Diskurs über Patriotismus verordnet. Sie zeigt damit ein Gespür
für das Richtige, aber sie tut zugleich das Falsche. Die CDU sucht das
Unverfügbare, das von allen fraglos Akzeptierte: Sie spürt, dass es schief gehen
kann, wenn eine Gesellschaft nur durch Verfassung und gesetztes Recht, durch
Konstruktion also, zusammen gehalten wird. Wie die Wirtschaft auf Tugenden wie
z.B. Ehrlichkeit zurückgreift, die sie nicht selber hervorgebracht hat, muss
auch das Recht auf Tugenden zurückgreifen, die es nicht selber geschaffen hat.
Nennen wir es mit einem Ausdruck des Freiburger Philosophen Rainer Marten die
„Kunst der Lebensteilung“. In der Lebensteilung einer Gemeinschaft wird das
Selbstverständliche eingeübt. Wer aber das Selbstverständlich-Geltende in einem
politischen Diskurs zu begründen versucht, hat es schon verletzt. Das
Selbstverständliche ist Grund, weil es nicht der Begründung bedarf. Aber die CDU
hat auch ein richtiges Gefühl: Der von den 68-ern aufgekündigte Zusammenhang von
Normalität, Norm und Leitbild müsste von einer konservativen Regierungspartei
korrigiert werden.
In der
Literatur- und Kunstszene wird das Thema „Patriotismus“ ganz anders
aufgenommen. Da wird, um es paradox zu formulieren, Patriotismus gemacht, aber
es wird nicht viel darüber philosophiert. Es ist eher ein stiller, geläuterter
Patriotismus.
Man denke nur wenige Jahre zurück. Die Wehrmachtsausstellung hatte zahlreiche
Menschen in vielen Städten auf die Strasse getrieben. Jetzt wird über Verbrechen
berichtet, die an Deutschen begangen worden sind. Biografische Erzählungen und
Romane handeln von vergewaltigten deutschen Frauen. Von Flucht und Vertreibung.
Und die linken und die rechten Stammtische schweigen.
Der Krieg, die verbrannten Städte, die Flucht, das Elend, all dies wird
literarisch und filmisch verarbeitet: zumeist ohne Ressentiment und ohne die
Intention der Aufrechnung. Ja, auch Deutsche waren Opfer, aber nicht
die
Deutschen. Romane, Biografien, schildern individuelle Schicksale. Der Deutsche
hat einen Namen.
III. Frank Schirrmacher, Paul Nolte und der Mut zur
Erziehung.
Summa summarum haben keine anderen Autoren mehr Resonanz in den Feuilletons der
Zeitungen gefunden als der Bremer Historiker Paul Nolte und der Herausgeber der
FAZ, Frank Schirrmacher.
Schirrmacher schrieb über die demografische Entwicklung und über einen
vermeintlichen „Methusalemkomplott“. Zwei Monate später antwortete die Zeit mit
zahlreichen Artikeln zu dem Thema „Ende des Jugendwahns“.
Studien über die demografische Entwicklung sind seit 20 Jahren bekannt. Dass wir
über dieses Thema jetzt endlich ausführlich, ernsthaft und erregt diskutieren,
ist auch Schirrmacher geschuldet. „
Die Alten werden diskriminiert.“ Das ist der
feststellende Vorwurf. Zu Unrecht, wie er an Hand der Ergebnisse der
Hirnforschung zeigt. Die Alten haben Chancen. Sie sind langsamer, aber
abgerundeter. Die Erfahrung ist wie ein Staffellauf. Welche Rolle die Alten aber
in einer Wissensgesellschaft – im Gegensatz zu einer Erfahrungsgesellschaft –
spielen können, blieb ungesagt.
Paul Nolte schrieb über die soziale Entwicklung. Dass er Gehör fand, lag zum
einem an einigen trefflichen Formulierungen: Die Charakterisierung unserer
Sozialpolitik als „fürsorgliche Verwahrlosung“ war hirnergreifend. Er hatte aber
auch deshalb so viel Erfolg, weil er das „Unter-uns-Gesagte“ öffentlich machte.
Kann es uns egal sein, wie viel Schund die Kinder sehen? Gibt es nicht einen
Zusammenhang zwischen schlechter Ernährung und unachtsamer Einstellung gegenüber
der Mitwelt? Und lässt sich dies alles wirklich durch einen Mangel an Geld
erklären? Nicht Armut, Unzivilisiertheit ist Noltes Schlüsselkategorie. Nolte
hat einen wahren Kern entblößt, auch wenn er bisweilen seine „Redezeit überzog“.
Die Einstellungsmuster der bildungsfernen Schichten sollten in einer
verantwortlichen Gesellschaft nicht als bloß private Vorlieben verstanden
werden. Wo Marcuse in den 60er Jahren noch die repressive Toleranz am Werke sah,
sieht Nolte die Folge der kalten Toleranz. Man lässt die falsche Meinung des
anderen Bestehen, nicht aus Achtung, sondern aus Teilnahmslosigkeit. In
konformistischen Gesellschaften ist das Aussprechen der Wahrheit ein
emanzipatorischer Akt. Nolte hat an Wahrheiten erinnert.
IV. Islamismus, Terrorismus, Toleranz.
Die Ermordung eines – nicht gerade poussierlichen – Filmemachers durch einen
fanatischen Islamisten in den Niederlanden hat auch bei uns die Fronten
durcheinander gewirbelt. Haben diejenigen Recht, die einen zu laxen Umgang mit
dem Islam in Deutschland beklagen, oder diejenigen, die vor Übertreibungen und
Schwarzfärberei warnen?
In den Niederlanden kam eine vom Parlament eingesetzte Kommission zu dem
Ergebnis, die multikulturelle Gesellschaft sei gescheitert. Die Kommission wurde
lange vor der Ermordung des Filmemachers eingesetzt. Erst danach aber wurde ihr
Ergebnis in den Feuilletons beachtet.
Historisch stehen wir vor einer verwirrenden Unübersichtlichkeit: Seit 2
Jahrzehnten fordern insbesondere die Grünen von der CDU, sie möge das Dogma über
Bord werfen, wir wären keine Einwanderungsgesellschaft. Die Grünen verweisen auf
die Realität: dass Menschen aus aller Herren Länder nach Deutschland streben.
Mit guten Gründen wehrt sich die CDU, denn eine Einwanderungsgesellschaft findet
keine Einwanderung vor, sondern strebt
Einwanderung an. Einwanderung ist, so
gesehen, keine beschreibende, sondern eine normative Kategorie. Während die
Grünen aus ihrem Befund die Konsequenz ziehen, es bedürfe einer
Einwanderungs(begrenzungs)politik – und damit verantwortungsethisch
argumentieren -, votiert die CDU subkutan gegen Einwanderung. Sie möchte es als
Gesinnungsthema behalten. Sie hat aber noch ein zusätzliches Argument:
Multi-kulti ist kein geeignetes Integrationsprinzip. Das hat, so weit ich weiß,
auch niemand behauptet. Richtig aber ist, dass man sich eine multikulturelle
Gesellschaft nicht wie eine große Party vorstellen sollte, bei der Döner aus der
Türkei und Kaviar aus Russland gereicht wird. Eine multikulturelle Gesellschaft
muss erarbeitet werden: Kein Projekt hat dies schöner besungen als Simon
Rattle`s Film „Rhythmn is it“. Was Nolte theoretisch fordert haben Simon Rattle
und seine Freunde praktisch umgesetzt: Schüler und Schülerinnen aus Berliner
Schulen, die 38 Nationen angehörten, haben zugleich an einem Projekt – einer
Balettaufführung von Igor Strawinsky`s „Le sacre du printemps“ – und an sich
selber gearbeitet.
V. Die Wahlen in den Vereinigten Staaten.
Die Wiederwahl von George W. Bush einte Deutschland auf frappierende
Weise: Ost und West, Intellektuelle und Arbeiter, Muslims und Christen, Frauen
und Männer: Sie alle hätten mit großen Mehrheiten den Gegenkandidaten gewählt.
Halb Amerika wurde einfach für verrückt, oder wenigstens für zurechnungsunfähig
erklärt. (
Es spricht Bände, dass uns diese Form der schrankenlosen Einigkeit
nicht verdächtig war.)
Europa wirft einen kritischen Blick auf die USA und sieht nur Finsternis und
Firnis. Bush hat den amerikanischen Haushalt ruiniert. Er verantwortet ein
immenses Leistungsbilanzdefizit. Und die Jobmaschine ist nicht angesprungen. Mit
europäischen Augen wäre die Wahl eine klare Sache gewesen. „It`s the economy
stupid.“
Dem Dogma, in der Wirtschaft gehe jeder nur von seinem eigenen Nutzen aus,
korrespondiert in der Politik das Dogma, jeder setze bei den Wahlen nur auf
seine eigenen Interessen. Die amerikanische Wahl brachte in Erinnerung, dass
dieser Zugang zur Politik zu eng, zu „aufgeklärt“ ist. Die Menschen wählen auch
ein Lebensgefühl.
VI. Hartz IV und die falsche Frage nach der
Gerechtigkeit.
Durch die Hartz IV Gesetzgebung wird die Arbeitslosenhilfe von der
Statussicherung zur Bedarfssicherung umgewandelt. Durch den Wegfall der
Arbeitslosenhilfe könnte es passieren, dass ein arbeitslos gewordener
50-jähriger Ingenieur, der im Prinzip bis zur Rente Arbeitslosenhilfe hätte
beanspruchen können, sehr schnell auf das eigene Vermögen oder auf das Vermögen
seiner Partnerin zurückgreifen muss. In der derzeitigen wirtschaftlichen
Situation drohen Brüche in der beruflichen und sozialen Biografie.
Die
Arbeitslosigkeit wird zu einem Angstthema der Mittelschichten.
Das Feuilleton reagierte gereizt und
mit „viel Pedal“. Vom „Ende des
Sozialstaates“ war die Rede, vom „Sieg der neoliberalen Politik“. Allmählich
erkannte aber auch das Feuilleton, dass der Eingriff in angestammte Besitzstände
nicht schon per se als Ungerechtigkeit gewertet werden muss. Als moralische
Debatte ist die Sache für die Regierung ausgestanden. Nun muss es nur noch
funktionieren. Aber das ist etwas, was das Feuilleton nicht so stark
interessiert. Das steht im Wirtschaftsteil der Zeitungen.
VII. Pisa und die richtige Frage nach der Gerechtigkeit.
Die Frage nach der Gerechtigkeit wurde und wird in einem anderem Kontext
relevant: im Kontext der Pisa-Studie. Die Ergebnisse der neu veröffentlichen
Pisa-Studien bargen wenig Überraschung: Man war, gleichsam als „enttäuschter
Kenner“, vorgewarnt und vorbereitet. Wieder nur Mittelmaß, wie der deutsche
Fußball vor seiner Wiedererfindung durch Jürgen Klinsmann.
Stärker beachtet wurde auf den Kulturseiten folgender Sachverhalt: In nahezu
keinem Land der Welt ist Bildung so vererblich wie in Deutschland. Das verletzt
auf eklatante Weise linke Gleichheitsüberzeugungen wie liberale Werthaltungen,
die besagen, der Verdienst eines Menschen müsse auf seinen eigenen Leistungen
beruhen. So kam es denn auch zu einem mächtigen Bündnis zwischen der liberalen
Hamburger „
Zeit“ und der linken „
Frankfurter Rundschau“. In einer Demokratie
werden Lebenschancen über Bildungschancen verteilt. Das ist das einigende Band
zwischen einer liberalen Leistungsethik und einer, bis in den Kern der
Gesellschaft hineinreichenden, Empfindung von Gerechtigkeit. Was in der
Bildungspolitik vertan wurde, kann keine Sozialpolitik mehr reparieren. Die
Pisa-Studien erzwingen über kurz oder lang eine Wertedebatte: Denn auf Dauer
möchte die Gesellschaft schon in Übereinstimmung mit ihren Prinzipien und mit
ihren Gefühlen leben.
VIII. Hochschulpolitik, Elitehochschulen.
Im Rahmen des sogenannten „Bologna-Prozesses“ haben sich die EU-Staaten darauf
verpflichtet, ihre Hochschulabschlüsse kompatibel zu machen. Die Entdeckung
Europas als Bildungsraum vollendet in gewisser Weise die Geschichte der
europäischen Universitäten. Von 1500 bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert waren
die europäischen Universitäten die erfolgreichsten
Globalisierungsprodukte der
damals maßgebenden und maßgeblichen Welt. Latein war ihre Sprache. Der
Lehrkörper war europäisch ausgerichtet. Das ist der Nachricht guter Teil. Er
wurde auf den Kulturseiten wenig beachtet.
Die Nachricht hat auch eine Kehrseite: Durch die erzwungene Reglementierung
(
ohne die eine Liberalisierung gar nicht möglich wäre) werden die Hochschulen
mehr und mehr zu Dienstleistungsstätten zugerichtet und im Geist der
Fachhochschulen reformiert.
Diese aber haben eine ganz andere geistige Tradition. Auch die deutschen
Universitäten haben eine Agenda 2010: Bis dahin muss der Bachelor- und der
Masterstudiengang eingerichtet sein. Der Bachelor soll einen ersten
berufsorientierten Abschluss darstellen, die teilweise sehr hohen
Studienabbruchquoten sollen gesenkt werden. Der Masterstudiengang soll dann ein
vertiefendes Studium ermöglichen und den wissenschaftlichen Nachwuchs
rekrutieren helfen.
Wissenschaftliches Handeln war bisher immer Handeln ohne Entscheidungszwang. Es
war ein Handeln, bei dem im wesentlichen die Zeit nicht von außen bewirtschaftet
wurde. Die Organisation der Universitäten trug dem Rechnung. Der Paradoxie der
modernen Wissenschaft, dass sie der bloß historischen Geltung ihres Wissens
eingedenk ist, auf die Verallgemeinerungsfähigkeit ihrer Geltungsansprüche aber
nicht verzichten kann, trägt die neue Organisationsform nicht mehr Rechnung.
Die Reflektion in den Feuilletons ist noch verhalten. Man weiß nicht, was an
dieser Stelle konservativ, progressiv, kritisch oder affirmativ ist. Von der
Sozialdemokratie hätte man eine solche Reform erwartet. Dies hängt damit
zusammen, dass in der Arbeiterbewegung Bildung und Wissen immer auch etwas sehr
Handfestes hatte: Bildung und Wissen sollte den sozialen Aufstieg ermöglichen.
Das Leitbild des Arbeiters war nicht der Gelehrte, sondern der Ingenieur, denn
der war sein Vorgesetzter.
Das Leitbild des alten Bildungsbürgertums aber war die Universität, wie sie von
Wilhelm von Humboldt begründet wurde. Derzeit wird dieses Ideal nur noch von
amerikanischen und europäischen Eliteuniversitäten vertreten, die sich,
zumindest gilt dies für den Lehrkörper, einer Bewirtschaftung ihrer Zeit fast
vollständig entziehen. Dass sich die Bildungseliten nicht gegen die
bürokratische Verzweckung der Wissenschaften wehren, ist allerdings befremdlich:
sie hätten genügend Anlass, auf die Barrikaden zu gehen.
IX. Hirnforschung und Menschenbild.
Die Hirnforschung glaubt herausgefunden zu haben, dass die Rede von der
menschlichen Freiheit einer Illusion aufsitzt. Gene und Umstände liefern eine
kausale Erklärung menschlichen Entscheidens und Handelns, der Rest – die
menschliche Freiheit und Verantwortung - sei so eine Art sozialer Metapher. Aber
kampflos geben die Geisteswissenschaftler und die Philosophen hier angestammtes
Terrain nicht auf: Sie beharren darauf, dass eine Theorie des Geistes etwas
anderes ist als die empirische Gehirnforschung entbergen kann. Die
Gehirnforscher ihrerseits signalisieren, sie bedürften nicht der Philosophie und
der Geisteswissenschaften, um ihre eigene Disziplin zu verstehen. Der alte
Positivismusstreit zu Beginn der 60er Jahre, der Streit um unseren
Wissenschaftsbegriff, über Jahre verödet, hat gute Chancen, auf einem neuem und
wichtigem Feld wiederbelebt zu werden.
Das Ende des Feuilletons.
Mit der Regierung Schröder-Fischer ist Deutschland – so macht es den Anschein –
dabei, endgültig aus dem Schatten Hitlers herauszuwachsen. Während dies
konservative Regierungen mit großem Aplomb auch schon vergebens versuchten,
gelingt es Schröder auf geräuschlose Weise zunehmend besser. Manche
Stilunsicherheiten, wie bei der Eröffnung der Flickausstellung, mag es noch
geben: sie werden weniger, und sie sind nicht wirklich störend. Deutschland will
ständiges Mitglied der Vereinten Nationen werden, nicht, weil seine Schande
jetzt verjährt ist, sondern weil es politisch sinnvoll ist für den Lauf der
Dinge. Deutschland vertritt seine Interessen wie andere wichtige Länder auch.
Schröder nimmt sich die gleichen Freiheiten heraus wie Chirac und Blair, die
Führer der Großmächte ehrenhalber. Er rechtfertigt es nicht, wozu auch? Schröder
macht Deutschland normal. Er tut es. Er spricht nicht mehr darüber. Keine
Auslegeware für das Feuilleton. Das Feuilleton braucht Sätze. Jedenfalls in der
Regel.
18786 Anschläge.
erschienen: dez. / 2004