Zugegeben: Die CDU hatte wenig Zeit. Mit dem Entschluss des Bundeskanzlers, nach der
verlorenen Wahl in Nordrhein—Westfalen die Vertrauensfrage an das deutsche Volk zu
richten, hatte kaum jemand gerechnet. In aller Eile mussten die Generalsekretäre der
CDU und der CSU und ihre Helfer ein Programm zusammenzimmern: es ist — frei nach dem
Philosophen Vaihinger — ein
„so tun als ob Programm“ geworden. So
„tun als ob“ meint,
man könne mit diesem Programm die von der CDU diagnostizierten Probleme lösen.
In der Sache ist das eine Illusion. Psychologisch ist es eine Suggestion.
Am 1. 7. 2005 stellte Bundeskanzler Schröder die Vertrauensfrage im Parlament.
Auf den Tag genau 263 Jahre früher, am 1. 7. 1742, wurde der Philosoph, Physiker
und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg nahe Darmstadt geboren. Mit einem
wahrhaft prophetischen Sinn für das Kommende notierte der alte Lichtenberg eine
gesellschaftliche Stimmung, die die Gegenwart genau spiegelt:
"Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird.
Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“
Gäbe es so etwas wie eine kollektive Stimmung des Volkes, es wäre am Tag nach der
Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen genau diese gewesen. Die Nachrufe und Grabinschriften
für Rot-Grün waren schon längst verfasst. Nun habe man sich auch noch selber aufgegeben.
Die CDU—CSU solle nur einfach abwarten, bis ihr und der FDP der Wahlsieg zufiele, wie eine reife Frucht.
Genau so wollten es führende Köpfe in der CDU halten: Sie wussten, dass die Affekte
gegen Rot—Grün weit stärker ausgeprägt waren, als die Affekte für Schwarz—Gelb. Ein
Regierungsprogramm wäre nur störend gewesen. Andere wiederum — ich will über ihre
Motive nicht spekulieren — rieten zu einem
„Blut — Schweiß — und Tränen“ Kurs. Da
die Wahl ohnehin schon so gut wie gewonnen sei, könne man den Menschen auch die
Wahrheit sagen. Denn einiges hatte sich auch aufgestaut in der konservativen
Seele:
„Die regierenden Achtundsechziger haben Land und Werte ruiniert“, so der
rauflustige brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm in einem Gastkommentar
in der „FAZ am Sonntag“ vom 24. Juli. Der Artikel birst geradezu von Ressentiment
gegen eine ganze Generations— und Sinnerfahrung.
Kaum etwas davon im Regierungsprogramm der CDU. Vielleicht teilen die klügeren
Konservativen mit dem grünennahen Parteienforscher Joachim Raschke den klammheimlichen Verdacht,
dass rot-grün die immer noch vorherrschende Leitkultur in Deutschland ist.
Die Aufgabe der CDU/CSU war nicht leicht. Hatte Frau Merkel doch in Leipzig,
sich in sicherer Distanz zum Regieren wähnend, nichts anderes angekündigt als
eine
„konservativ—liberale Revolution“. Herr Merz hatte sie um eine Bierdeckelrevolution
und um die Rede von der deutschen Leitkultur ergänzt. Konservative Revolutionen sind
per se ein schwieriges Unterfangen: soll doch der Zustand, zu dem zurückgekehrt werden soll,
erst hergestellt werden. Karl Marx hätte gesagt,
„konservative Revolution“ sei ein
Widerspruch im Beiwort. Schließlich einigte man sich auf einen mittleren Kurs:
Ein vermeintliches Signal der Ehrlichkeit — Anhebung der Mehrwertsteuer von
16 auf 18% — die das viele Ungefährdenken in diesem Programm sorgfältig verhüllt.
So ist die neue Ehrlichkeit mit viel Scheinheiligkeit verbunden: es klafft, je nach
Institut, eine Finanzierungslücke von 20 bis 40 Milliarden Euro. Das Programm liest
sich stellenweise wie eine Gebrauchsanleitung für Versicherungsvertreter. Man sollte
auf das Kleingedruckte achten.
Das Programm.
„Deutschlands Chancen nutzen. Wachstum. Arbeit. Sicherheit.“
Das ist die verheißungsvolle und passende Überschrift für eine Kanzlerin,
die sich dem „Dienen verpflichtet“ weiß.
Es geht um eine „Richtungsentscheidung
für Deutschland“.
Dies alles wird einsortiert unter
„A“. Unter „B“ werden die
Zukunftsverheißungen sortiert:
B. Unsere Ziele — unsere Maßnahmen
1. Vorfahrt für Arbeit
2. Zukunft für Familien — Bildung und Erziehung
3. Verlässliche soziale Sicherheit
4. Solide öffentliche Kassen — Beitrag zur Generationengerechtigkeit
5. Lebenswertes Deutschland: weltoffen, sicher, handlungsfähig
6. Deutschland: Partner in Europa und in der Welt.
C. Die Union für Deutschland — Weil es ums Ganze geht
Im Abschnitt „A“ wird das Erbe von Rot-Grün seziert:
— Die „sozialen, wirtschaftlichen und finanziellen Fundamenente
unseres Landes sind akut gefährdet“... Dabei wird großzügig konstatiert:
die Versäumnisse und Fehler „reichen weit zurück“. Es gäbe „zunehmende
Spaltungstendenzen“ in der deutschen Gesellschaft und das Vertrauen
in die rot-grüne Politik sei erodiert.
Hannah Arendt hat einmal das Credo einer der Aufklärung verpflichteten Politik so formuliert:
man müsse
„Tatsachen zu Meinungen“ machen. Die Programmierer der CDU/CSU beschreiten den umgekehrten Weg:
sie versuchen, ihre Meinungen zu unseren Tatsachen zu machen. Die Sache ist ganz einfach.
1. Das Land ist kaputt.
2. Rot-Grün ist daran schuld. Dann muss man nur noch eins und zwei zusammenzählen.
Der Streit um die Sachverhalte.
Dass Deutschland in einer schwierigen, teilweise auch dramatischen Lage ist, wer wollte
das bestreiten? Dass man dafür aber alleine die amtierende Regierung in Generalhaftung
nimmt, ist das redlich und realistisch? Werden da nicht die wirklich wichtigen Fragen
verhüllt und die Bürger eingelullt?
Hat die Regierung Schröder — Fischer das Land tatsächlich ruiniert? Sind die Wachstumsraten
nicht auch schon unter der Regierung Kohl kleiner geworden als bei unseren Wettbewerbern?
Stieg die Arbeitslosigkeit seit Beginn der 80er Jahre nicht nach jedem Konjunkturzyklus
um weit über fünfhunderttausend an, ganz gleich, wer die Regierung führte? Wuchs nicht die
Staatsverschuldung unter der Regentschaft des Finanzministers Waigel am schnellsten?
(Zugegeben in schwieriger Zeit.) War die Rente unter Minister Blüm wirklich sicher?
Die CDU beschreibt ein kaputtes Land. Ein kaputtes Land bedarf einer
Rosskur: zu dieser Rosskur fehlte der CDU der Mut und die Kraft.
Man kann ein Land, das unter einem Krebsgeschwür leidet, nicht mit
homöopathischen Mitteln kurieren. Die
Affekttemperatur der Diagnose
und der Therapie muss stimmig sein, sonst macht ein Programm deutlich,
dass es die Bürger nicht wirklich ernst nimmt. Und das scheint mir beim CDU—Programm der Fall zu sein.
Als sich die rot-grüne Regierung daranmachte, die sozialen
Sicherungssysteme zu reformieren, lag diesem Vorhaben eine doppelte Einsicht
zugrunde:
— Die sozialen Sicherungssysteme müssen mit dem Wirtschaftswachstum synchronisiert werden;
— Eine Politik, die sich ausschließlich auf die Opferperspektive konzentriert, lindert nicht nur Leid, sie schafft sich auch ihre Opfer.
Der Änderung der
Politik ging ein geistiger Paradigmenwechsel voraus, der nie richtig kommuniziert wurde.
Insbesondere dafür hat die SPD in 10 Landtagswahlen bezahlt.
Die CDU verweigert den geistigen Paradigmenwechsel, weil sie ihn für die Wahlniederlagen
der SPD verantwortlich macht. Das Land verlöre täglich 1000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Die Lage des Landes sei dramatisch,
so die Programmierer der CDU/CSU. Alles schreit nach Erlösung. Da taucht aus dem Nebel der CDU eine Art Ökosteuer auf, nur ohne Lenkungswirkung:
Denn nichts anderes bedeutet die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16 auf 18 Prozent. Im Gegenzug sollen die Beiträge zu Arbeitslosenversicherung
von 6,5 auf 4,5 Prozentpunkte gesenkt werden. Hier wird nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen, sondern mit Schrot auf einen Elefanten.
Gleichwohl kann man diesem Plan eine gewisse Raffinesse nicht absprechen. War es nicht der englische Ökonom John Maynard Keynes, der vermutete,
die Löhne der Arbeiter seien nicht flexibel genug, um konjunkturelle Schwankungen aufzufangen? Empfahl er nicht die Inflationsrate als zusätzliche
Stellschraube zu nutzen? Und verficht die CDU mit ihrer
„rechtskeynesianischen Wende“ nicht ein ähnliches Programm? Die Rentner, die Beamten,
die Hausfrauen, die Studierenden, die Bezieher von Transferleistungen, all diejenigen, die in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten,
werden durch die Mehrwertsteuererhöhung belastet, weil für sie keine Kompensation vorgesehen ist. Eine Kürzung der Renten hingegen hat Angela
Merkel ausgeschlossen. Ehrlich ist das nicht.
Man könnte allerdings über die Sache reden, wenn die Wirtschaft, wie
versprochen, nachhaltig belebt und auf Wachstumskurs getrimmt werden könnte.
Dass die Erhöhung der Mehrwertsteuer kein geeignetes Konjunktursignal ist,
dürfte die CDU wissen. Denn die konjunkturellen Restriktionen der Mehrwertsteuer
greifen sofort, der mit ihnen als verbunden gedachte Beschäftigungsaufbau
begönne erst allmählich. Welche Angebote hat die CDU — jenseits der in
Regierungsprogrammen und Wahlmanifesten üblichen
„Girlanden“ — in ihrem
wirtschaftspolitischen Köcher?
Da gibt es zunächst „direkte Stimuli“:
— Die Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung.
— Die Senkung des Einkommens— und Körperschaftssteuerniveaus bei gleichzeitiger
Verbreiterung der Bemessungsgrundlage.
— Die Einführung von Kombilöhnen im Niedriglohnsegment.
Es ist nicht Aufgabe dieses Essays, einen Grundkurs in politischer oder profaner
Ökonomie zu verfassen. Eine grundsätzliche Bemerkung und wenige erläuternde
Anmerkungen mache ich gleichwohl. In der Volkswirtschaftslehre geht es häufig zu
wie bei der Behandlung einer schwierigen Krankheit: Oftmals wissen die
behandelnden Ärzte nicht, ob der ganze Therapieplan nicht stimmt — oder doch nur
die Dosierung der Medikamente. Für die Volkswirtschaft gilt dies insbesondere
dann, wenn einem Konzept — einem Therapieplan — keine Kreislauftheorie zugrunde
liegt, was bei der CDU der Fall zu sein scheint. Also wird mit aller Macht in
die Wirtschaft interveniert. Die CDU tut so, als hätte sie ein neues Konzept: In
Wirklichkeit ändert sie nur etwas an der Dosierung der Medikamente. Auch die
rot-grüne Bundesregierung hat versucht, die Lohnnebenkosten zu senken. Über eine
beträchtliche Leistungssteigerung bei der Arbeitsvermittlung durch die
Bundesagentur für Arbeit sollten die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung
gesenkt werden. Die CDU geht nun den umgekehrten Weg, so ist wenigstens zu
hoffen. Die amtierende Bundesregierung hat das Steuerniveau gesenkt wie keine
deutsche Regierung vor ihr. Die CDU versucht hier den Anschluss zu halten. Die
Einführung von Kombilöhnen wurde von rot-grün in mehreren Modellversuchen
getestet: die Ergebnisse waren nicht überzeugend. (Zugegeben, auch hier kann es
an der Dosierung gelegen haben.) Im Großen und Ganzen pflegt die CDU einen
pragmatischen Interventionismus, der sich in Bezug auf die Verteilungswirkungen
von der Vorgängerregierung relativ deutlich unterscheidet – das war es aber auch
schon. Wir brauchen aber nicht eine
„Umverteilung der Umverteilung“: Wir
brauchen ein nachvollziehbares, volkswirtschaftliches Konzept.
Stärker ausgeprägt sind die indirekten Stimuli:
— Weniger Vorschriften, mehr Freiheit. — Der Kündigungsschutz wird stark
eingeschränkt: „Neue Chancen für Arbeitnehmer: Flexibler Arbeitsmarkt.“ — Die
betriebliche Mitbestimmung soll, freundlich ausgedrückt, zu lasten der
überbetrieblichen Mitbestimmung gestärkt werden.
Den ersten Spiegelstrich verficht heutzutage sogar Gregor Gysi von der PDS: Hier
kommt es aufs Gutgemachte, nicht aufs Gutgemeinte an. Dass die Einschränkung des
Kündigungsschutzes alleine zu mehr Arbeitsplätzen führt, dafür spricht der
Augenschein, nicht aber die (wissenschaftliche) Empirie. Mit dem
Kündigungsschutz in den Betrieben korrespondierte der Anreiz, die Menschen
systematisch weiterzubilden. In Dänemark wird diese Weiterbildung jetzt, nachdem
der Kündigungsschutz nahezu aufgehoben wurde, durch den Staat übernommen. Die
CDU verzichtet auf diesen intelligenten Mechanismus. (Gefährlich wird es dann,
wenn dieser Ansatz von der FDP systematisch nach oben getrieben wird, siehe ihr
Wahlprogramm.) Die Außerkraftsetzung von Tarifverträgen gegen die Tarifparteien
bleibt ein ideologischer Rest, vor dem auch viele der CDU und CSU verbundene
Unternehmer gewarnt haben. Der Rest des Wirtschaftsprogramms bleibt Beschwörung.
Die neuen Bundesländer sollen durch eine Doppelstrategie von
Hochtechnologieinvestitionen und Kombilöhnen befriedet werden: das ist weit weg
von der Wirklichkeit, das ist Illusionsökonomie. Weil hinter der Kopfpauschale
zahlreiche Luftbuchungen stecken, wird sie, ursprünglich gedacht als der
ökonomische Durchbruch, in dem Kapitel
„Medizinischer Fortschritt für alle“
versteckt. Ein weiteres Kapitel in einem vagen
„so tun als ob“ Programm. Die CDU
glaubt offensichtlich, dass ein Regierungswechsel alleine schon eine autonome
Quelle des Reichtums sei. Dass sie die Kunst des Regierungshandwerks besser
beherrsche. Dass die von der amtierenden Regierung durchgesetzten
Strukturreformen in der ersten Phase der neuen Regierung zu wirken begönnen. Und
sie setzt auf ein Anspringen der Konjunktur, wie die Regierung Schröder—Fischer
1998.
Und die Werte der CDU? Die kulturelle Einhegung, der gesellschaftliche
„Flair“
der CDU? Eine geistige Begründung des Regierungsanspruchs? Weitgehend
Fehlanzeige! In einem fugenlos „verzweckten Programm“ haben Patriotismus und
deutsche Leitkultur keinen Stellenwert.
„It is the economy, stupid“. Der Mensch
in der Profanität.
Die SPD besinnt sich in ihrem Wahlmanifest auf die Vermittlung des komplexen
Verhältnisses von
„Interesse“ und „Solidarität“. Sie übersteigt behutsam das
auch ihr nicht fremde sozialtechnologische Gehabe. Sie scheint eine Ahnung davon
zu bekommen, dass die Rückbesinnung auf Werte die einzige Chance einer alternden
Gesellschaft ist. In einer alternden Gesellschaft muss das Gemeinwohl gegen die
Mehrheit faktischer Interessen durchgesetzt werden und das geht nur mit einem
Wertbezug. Derweil kürt die CDU Sozialtechnologie zum neuen Programm. Das, und
nur das bleibt von der Würde eines Staates, wenn der sich als große
Beschäftigungsgesellschaft konstituiert.
erschienen: / Sept. 2005
— Inhalt —
Das Regierungsprogramm der CDU - ein abgemagerter Hamster mit prall gefüllten Backentaschen.