Seit vielen Jahren ist der Wirtschaftsnobelpreis nicht mehr an einen neoklassischen Ökonomen verliehen worden.
Mal ging er an einen Spieltheoretiker, mal an einen Institutionenökonomen, dann an einen Wirtschaftshistoriker.
Die neoklassische Ökonomie – in Deutschland nicht die vorherrschende sondern die allein herrschende Lehre – findet
in der internationalen Frontforschung nicht mehr die Beachtung, die ihr seid Mitte der 80er und zu Beginn der 90er Jahre selbstverständlich war.
Zugleich mit dieser Akzentverschiebung in der Wirtschaftstheorie gab es einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik.
Seit 1985 predigte die Weltbank den Washingtoner Konsens: Finanz- und Gütermärkte liberalisieren, Staatsfinanzen konsolidieren,
staatliche Leistungen privatisieren, wachstumshemmende Regeln abbauen
(Deregulierung). Wie immer die Lage eines Industrie- oder
eines Entwicklungslandes im einzelnen beschaffen sein mag, stets gab es nur eine Therapie. Auf eine historisch fundierte Analyse des jeweiligen
Landes konnte man folglich verzichten.
Nicht zuletzt der Washingtoner Konsens hat die asiatische Krise an der Jahrtausendschwelle ausgelöst und die später folgenden
südamerikanischen Krisen verstärkt. Die neue Politik der Weltbank – sie folgte zeitlich auf die Kritik des früheren Weltbankdirektors
und späteren Wirtschaftsnobelpreisträgers Josef Stieglitz – berücksichtigt hingegen die besondere historische Konstellation eines Landes.
Etwa zeitgleich wächst die Kritik an den
ökonomischen Modellwelten und die angelsächsische Pragmatik tritt verstärkt an ihre Stelle.
Auch die angelsächsische Pragmatik kommt nicht ohne Modelle aus. Die ökonomischen Modelle sind aber nicht allein mathematische
Kalküle mit einigen ökonomischen Grundtermini wie „Außenhandelsbilanz, Staatsverschuldung, usw.“. Auch der Gesellschaftstyp – skandinavischer
Wohlfahrtsstaat, angelsächsischer Wettbewerbsstaat – spielt zunehmend eine Rolle. Die historisch ungesättigten Gebilde werden allmählich
aufgefüllt und in ökonomischen Konstellationen verstanden. Welche Wirtschaftsordnung ordnet wie die Wirtschaft? Die Wirtschaftswissenschaft
beginnt sich wieder mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen.
Wir müssen uns verständigen auf das, was der Fall ist.
In seiner berühmten „Ruckrede“ behauptete Bundespräsident Roman Herzog,
wir hätten, was Reformen anbelangt, kein Erkenntnisproblem sondern nur ein Umsetzungsproblem. Dies mag auf dem Feld der Redimensionierung des
Sozialstaats zutreffen. Da fehlte der Regierung Kohl vor allem der Mut, offenkundige Probleme anzupacken. Auf dem Feld der Wirtschaftspolitik
können wir uns nicht einmal auf die Beschreibung der Sachverhalte verständigen, also darauf, was der Fall ist. Wir haben kein gemeinsames
Verständnis vom Zustand unserer Volkswirtschaft und erst recht keinen Begriff von der Konstellation, mit der wir es zu tun hätten.
Ich greife einige Schlagzeilen der letzten drei Monate heraus, die vorgeben die Lage der deutschen Wirtschaft zu charakterisieren:
Die deutsche Industrie ist eine der wettbewerbsfähigsten weltweit +++ Der deutsche Standort ist erstklassig +++ Deutschland
ist ein Gewinner der
Globalisierung +++ Die deutsche Regierung handelt, die französische Regierung debattiert endlos.
+++ Die zweite Welle der Globalisierung fegt über Deutschland hinweg +++ Deutschland steigt ab in die zweite Liga +++ Deutschland im Niedergang +++ Bisher
hatte die Welt Angst vor Deutschland, jetzt hat sie Angst um Deutschland.
Wie sollen wir diese unterschiedlichen Schlagzeilen verstehen? Werden hier verschiedene Dinge gesehen oder die gleichen Dinge unterschiedlich bewertet?
Ist hier ein therapeutischer Wahrheitsbegriff vorherrschend, der meint, eine Beschreibung müsse nützen, nicht gelten? Ohne eine grundsätzliche
Verständigung auf das, was der Fall ist, endet jede Ruckrede bestenfalls im folgenlosen Appell, schlimmstenfalls aber in konfusen Handeln. Die
Deutung der gegenwärtigen Situation ist eine politische Aufgabe erster Ordnung.
Die Regierung muss schlüssig vermitteln, von welcher ökonomischen Wirklichkeit sie ausgeht.
Es geht um Deutungen, mit deren Übernahme oder Ablehnung der Sinn eines
politischen Ansatzes steht oder fällt. Wenn die deutsche Industrie ein
Kostenproblem hat, ist es sinnvoll, die Produktionskosten zu analysieren. Wenn
man die Produktionskosten senken will, kann man an die Lohnkosten zu denken.
Wenn man die Lohnkosten senken will, kann man seine Aufmerksamkeit auf die
Lohnnebenkosten richten. Wenn die deutsche Industrie aber kein Kostenproblem
hat, ist dieser Gedankengang nur eine wohlfeile Spielerei. Der in
Deutschland
2003 begonnene Lohnsenkungswettlauf, der seine Schatten auf das Jahr 2005 wirft,
wäre dann allerdings nichts anderes als der Sieg eines Partialinteresses gegen
die volkswirtschaftliche Vernunft.
[1]
Im Gutachten des Sachverständigungsrates hat dieser deutlich gemacht, dass die deutsche Industrie im Weltmaßstab
wettbewerbsfähig ist. Der eigentliche ökonomische Engpass ist die nicht anspringende
Inlandsnachfrage. Die beträchtlichen Gewinne der
(überlebenden) Unternehmen werden nur unzulänglich investiert.
Auch die öffentlichen Investitionen sind für eine Belebung der Inlandsnachfrage unzureichend. Während der Staat ein
Einnahmeproblem hat, haben die Unternehmen ein
Ausgabeproblem. Sie wissen nicht, wie sie ihre
hohen Gewinne in unternehmerische Energie umsetzen können. Auch deshalb kaufen sie eigene Aktien zurück oder verhalten sich wie Rentiers.
Die Bundesregierung hat mutig die Reform der sozialen Sicherungssysteme angepackt. Diese Reformen haben volkswirtschaftliche
Relevanz: Schon durch die Ankündigung der Hartz-Reformen wurde die Beschäftigungsschwelle – die Maßzahl bei der neue Arbeitsplätze
entstehen – von über 2,5% Wachstum auf 1.5% gesenkt. Dies geschah unter anderem
durch die Einrichtung neuer Vertragsformen,
wie z.B. die Ich-Ag`s. Sie hat die Reform des Sozialstaates jetzt so erklärt, dass sie von den Bürgern verstanden, angenommen oder wenigstens hingenommen wird.
Für ihre Wirtschaftspolitik steht eine solche Erklärung noch aus. Welches volkswirtschaftliche Modell liegt dieser Politik zugrunde?
Bevor Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde, hat er gesagt, es gäbe keine linke oder rechte Wirtschaftspolitik sondern nur eine gute
oder eine schlechte.
(Hoffen wir, dass dies eine „therapeutische Wahrheit“ war.) Zunächst geht es noch nicht einmal um eine gute oder
schlechte Wirtschaftspolitik, sondern um eine zu einer volkswirtschaftlichen Betrachtung hinzugehörige Politik. Verzichtet der Staat
auf eine volkswirtschaftliche Betrachtung seiner Wirtschaftspolitik, dann könnte er sich gleich, wie es ein früherer Wirtschaftsminister
empfahl, aus der Wirtschaft zurückziehen. „Wenn es Daimler Benz gut geht, dann geht es allen gut.“ Diese Volksweisheit aus meiner Wahlheimat
ist nicht mehr
selbstverständlich. Die betriebswirtschaftliche und branchenbezogene Betrachtung muss durch eine volkswirtschaftliche
Interpretation zumindest ergänzt werden. Denn in unserer komplexen Wirtschaft muss das Wohlergehen der Betriebe und das Wohlergehen der
Menschen institutionell vermittelt werden. Eine recht verstandene Volkswirtschaftslehre ist immer auch politische Ökonomie.
Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und wettbewerbsfähige Wirtschaftsordnung.
Im Zeitalter der
Globalisierung verliert der Nationalstaat an wirtschaftspolitischer Souveränität. Zugleich aber gewinnt er an
unternehmerischer Substanz.
Was sich zunächst anhört wie ein bloßes Wortspiel, ist die direkte Auswirkung einer recht verstandenen
Globalisierung.
Die Globalisierung als dinglicher Prozess ist kein neues Phänomen. Erst 1980 hatten
wir wieder den Globalisierungsstand von 1914 erreicht. Ganz anders steht es mit dem
Wissen um die Globalisierung: Dieser kulturelle Sachverhalt, soziologisch gesprochen ein Resultat
permanenter Selbstbeobachtung, wird zum eigenen Akteur auf dem Feld der Wirtschaft und der Wirtschaftspolitik. Weil wir wissen, dass wir
in einer globalisierten Wirtschaft leben, müssen wir unsere staatlichen Einrichtungen wettbewerbsfähig machen.
Der amerikanische Ökonom Paul Krugman hat nachgewiesen, dass die Reformbereitschaft von Unternehmen direkt proportional steigt mit
dem internationalen Wettbewerbsdruck, dem sie sich ausgesetzt wähnen.
Gleiches gilt für die nationalen Staaten. Erst die Einsicht, dass wir in einer globalisierten Wirtschaft leben, weckt den Reformelan des
Staates. Er macht die Nationalstaaten zu
unternehmerischen Akteuren. Sie sind gezwungen über ihr Steuersystem, über die Grundlagen ihres
Rentensystems und über ihr Gesundheitssystem neu nachzudenken. Die Spielregeln des Sozial- und Wohlfahrtsstaates müssen sich auch ökonomisch
legitimieren, nicht alleine politisch oder moralisch. Der rheinische Kapitalismus - dieses deutsche Gebräu von koordinierter
Produktion (Wohlfahrtsstaat) und kontrollierter Verteilung
(Sozialstaat) - muss seine Sonderkosten berechnen - oder seine Sonderdividende.
In einer als offen gedachten Weltwirtschaft entscheiden darüber nicht Moralphilosophen, sondern die Kapitalmärkte.
Der Staat gewinnt an unternehmerischer Substanz, weil er Dinge, die er bisher traditional gelöst hat,
(das haben wir schon immer so gemacht)
angesichts der
Globalisierung in neuem Lichte sehen muss. Die Globalisierung lehrt uns den Blick auf die
Selbstorganisation des Staates. Durch die Ordnung der Wirtschaft soll der vitale Wettbewerb der
Unternehmen sicher gestellt werden. In einer globalisierten Wirtschaft kommt hinzu, dass die Wirtschaftsordnung ihrerseits wettbewerbsfähig
ist gegenüber anderen Wirtschaftsordnungen. Der Vorrang der Politik sollte gewahrt bleiben: In welcher Wirtschaftsordnung wir leben wollen,
ist und bleibt eine politische Entscheidung. Die
Globalisierung belehrt uns nur über den Preis, den wir zu zahlen haben. So gesehen herrscht
in ihr nicht die Diktatur des Marktes, sondern die Diktatur der Transparenz.
Wirtschaftspolitik und Arbeitslosigkeit.
Die letzten 3 Jahrzehnte waren geprägt vom Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Der Staat versuchte die Arbeitslosigkeit vorwiegend durch eine Hemmung
des Strukturwandels und durch eine Eindämmung der Nachfrage nach Arbeitsplätzen zu bekämpfen, was auf eine Rationierung der Arbeit hinauslief.
Darüber hinaus betätigte sich der Staat selbst als doppelter Arbeitgeber: Indem er einerseits Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen finanzierte und den
öffentlichen Dienst gelegentlich als Beschäftigungspuffer missbrauchte. Zum Erfolg dieser Politik schrieb Wolfgang Streeck, Direktor des Max Planck
Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln, vor kurzem:
[2]
„In kurzer Zusammenfassung kann man das heutige deutsche Arbeitsmarktregime als das politisch und gesellschaftlich festgezurrte Resultat eines
gescheiterten jahrzehntelangen Kampfes gegen eine Gefahr beschreiben, die es nie gegeben – mit Mitteln, die selbst rasch zu Zielen wurden und
deshalb bis heute zäh verteidigt werden, obwohl ihr fortdauernder Gebrauch dabei ist, unser Land zu ruinieren...
Heute beläuft sich der Haushalt der ...Bundesagentur, mit etwa 50 Milliarden Euro pro Jahr auf fast doppelt so viel wie der sämtlicher
Universitäten und Fachhochschulen zusammen.
Zusätzlich zu den Milliarden der Bundesanstalt subventionieren wir unser bankrottes Arbeitsmarktregime aus der Rentenkasse, die unsere
Frühpensionäre alimentiert, sowie unter anderem mit den Steinkohlesubventionen, die Jahr für Jahr höher sind als die Forschungsmittel der
Max Planck-Gesellschaft und der Fraunhofer-Gesellschaft zusammen.“
Wir haben bisher den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit verloren, weil wir
1. Arbeitslosigkeit primär als sozialpolitisches Thema behandelt haben.
2. Der Staat so getan hat, als könne er Arbeitsplätze
„herstellen“.
3. Seit vielen Jahren den Entmutigungsdiskurs pflegen „uns gehe die Arbeit aus“.
4. Weil es für die Vereinigung Deutschlands noch keine ökonomische Konstellation gibt. Also ein Modell, auf das wir uns beziehen können.
Genau das ist die
Denkarbeit, die wir zu leisten haben.
[3]
Wirtschaftspolitik als Arbeitsmarktpolitik ist heutzutage in erster Linie Bildungspolitik.
Man kann die Konsolidierung und Redimensionierung der sozialen Sicherungssysteme als Notoperation betrachten. Als Versuch einen Mentalitätswandel in
unserer Gesellschaft herbeizuführen. Oder als einen Versuch, Zeit zu gewinnen. In erster Linie werte ich sie aber als Versuch, wirtschaftspolitische
Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Erst wenn der Staat seine Investitionsfähigkeit wiedergewonnen hat, gewinnt er auch seine politische
Innovationsfähigkeit zurück. Es ist strukturpolitisch daher richtig, die eingesparten Mittel bei den Transfereinkommen in Bildung, Forschung
und Entwicklung zu investieren. Und es ist wirtschaftspolitisch richtig mit der Einrichtung von Ganztagsschulen zu beginnen. Denn Ganztagsschulen
helfen nicht nur Kindern aus bildungsfernen Familien. Sie verbessern auch die Qualität des Arbeitsmarktes. Viele Untersuchungen zeigen, dass eine steigende Beschäftigungsquote der Frauen den Strukturwandel zu einer Dienstleistungswirtschaft massiv
begünstigt.
Ganz nebenbei ist dies auch eine gute Gelegenheit zu lernen, dass uns die Arbeit nicht ausgeht. In den skandinavischen Ländern ist
die Beschäftigungsquote – umgangsprachlich: die Nachfrage nach Arbeit – sehr viel höher, die Arbeitslosigkeit hingegen sehr viel geringer als
in Deutschland. Eine bessere Ausbildung der Kinder führt auch nicht notwendig dazu, dass dann eben auch die
„Friseuse Abitur hat“. Schon wieder
wird das Problem als Verteilungsfalle missverstanden. Die Arbeitsmärkte sind, wie Studien zeigen, flexibel genug, um auf das veränderte Angebot zu reagieren.
Der von der Regierung angeregte Wettbewerb der Hochschulen ist richtig. Die Zurichtung der Hochschulen auf bloße Ausbildungsstätten hingegen ist fragwürdig.
Denn ganz abgesehen davon, dass sie dem Sinn der Universitäten nicht gerecht werden, unterschätzen sie auch die Flexibilität der Arbeitsmärkte, und ihre
Fähigkeit, auf Angebote angemessen zu reagieren.
Wir brauchen eine neue Fortschrittskonstellation.
Die neoklassischen Modellwelten helfen uns nicht, eine historische Fortschrittskonstellation zu begründen. Die Untersuchungen von Abelshauser,
Burkhard Lutz und anderen belegen, welch spezifische Bedingungen die sogenannten
„goldenen siebziger Jahre“ definierten. Diese Bedingungen sind
nicht wieder herstellbar. Deutschland kann nicht mehr durch eine Veränderung der Wechselkurse Fehlentwicklungen der Lohnpolitik korrigieren.
Deutschland hat keine eigene Geld- und Zinspolitik mehr. Deutschland befindet sich durch seine Vereinigung in einer historischen Situation ohne
Beispiel: Die klassische Interventionspolitik droht auch hier zu scheitern. Die bevorstehende Wissensgesellschaft folgt anderen Gesetzen als die
Industriegesellschaft. Weil wir diesen ökonomischen Typus noch nicht genau verstehen, müssen wir, wie es die Bundesregierung ja auch
tut,
„auf Sicht fahren“. Aber das ersetzt nicht die notwendige Denk- und Verstehensarbeit. Lasst uns die Trauerarbeit über die
goldenen siebziger Jahre beenden.
erschienen: jan. / 2005