Planung & Konzept

Seminar

Kernseminar am Institut für Soziologie der Albrecht Ludwig Universität Freiburg. Sommersemester 2006
Geht uns die Arbeit aus? Soziologisch-ökonomische Erörterung einer Schlüsselfrage der Moderne. Dozenten: Keil, Dries.

— Nicht nur Soziologen wie Ulrich Beck empfehlen der Politik, sich von dem alten Modell der Vollbeschäftigungsgesellschaft zu lösen. Da werde die Energie auf etwas vergeudet, das doch längst geklärt sei: durch den technischen Fortschritt werden mehr Arbeitsplätze abgebaut, als durch (ökologische vertretbares) Wachstum kompensiert werden kann. Diese Meinung ist unter Soziologen und Philosophen weit verbreitet: seit Hannah Arendts Diktum von 1958, unserer „westlich“ geprägten, modernen Gesellschaft gehe die Arbeit aus, das einzige, auf das sie sich verstünde, wird dieser Diskurs wellenförmig in soziologischen wie gesellschaftspolitischen Foren (wieder-)belebt.

Ökonomen halten diese (auch in der Bevölkerung inzwischen weit verbreitete) Betrachtungsweise für eine bloße Ideologie: für sie ist die steigende Arbeitslosigkeit immer das Ergebnis falscher politischer oder tariflicher Weichenstellungen.

Wir wissen, dass wir in diesem Seminar nicht klären können, „was eigentlich der Fall ist“. Aber wir wollen doch versuchen, die soziologische und die ökonomische Perspektive „anschlussfähig“ zu machen.

Ausgehend von den begrifflichen Grundlagen der politischen Ökonomie (und das heißt auch, aber nicht nur, von Karl Marx) wollen wir die Geschichte des langen, aber meist verweigerten Diskurses zwischen Soziologie/Philosophie und Ökonomie rekonstruieren:

— Keynes, Gorz und Bergmann etwa teilen die Perspektive eines zurückgehenden Arbeitsvolumens für die „notwendigen Gegenstände“, aber sie sehen darin ein Signal der Verheißung.

— Beck, Offe und andere gehen von einem rückläufigen Arbeitsvolumen aus (aus theoretischen und empirischen Gründen), sie wollen „aus der Not eine Tugend“ machen.

— Ökonomen wie Krugman und Siebert halten schon die Ausgangsthese für fragwürdig und damit auch die Therapie (aus beschäftigungspolitischer Sicht)für falsch.

— Wirtschaftshistoriker wie Lutz halten das goldene Zeitalter der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts für das Ergebnis einer sehr unwahrscheinlichen Prosperitätskonstellation.

Wir wollen diese und ähnliche Argumente schrittweise rekonstruieren, um zu verstehen, ob hier die Dinge anders oder andere Dinge gesehen werden. Wir würden es schon für einen Fortschritt halten, könnten wir zum Ende des Seminars klären, ob die unterschiedlichen Positionen sich auf terminologische Unterschiede, unterschiedliche Bewertungen oder unterschiedliche Sachverhalte gründen. Dazu wird das Seminar durch Gastvorträge und eine Kooperation mit der Freiburger VWL interdisziplinär ausgerichtet.

Einführende Literatur (Auswahl):
Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper 2002, S. 98-160. Beck, Ulrich: Was zur Wahl steht. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005. Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manusripte (MEW 40), S. 510-556.



© 2005 - Gert Keil - Freiburg Zurück zur Übersicht